Immer anders als die Anderen… (von Patrick Buhr)

Ende Juli ging es nach ewigen Wochen des Lernens endlich in den wohl verdienten Sommerurlaub. Drei Wochen Angel- und Städtetour durch Südfrankreich und Italien mit der Liebsten waren angesagt. Was will man(n) mehr? Nachdem wir die erste Woche in der Nähe des Cassiens verbracht und die wunderschönen Städte der Côte d’Azur bereist hatten, sollte es in der zweiten Woche nach Italien gehen.

 

(Der Cassien war mit seinem kristallklaren Wasser einfach wunderschön...)

 

Um ein wenig Komfort zu haben, hatte ich zum ersten Mal überhaupt eine Woche an einem kommerziell bewirtschafteten See gebucht. Ich war gespannt, ob mir diese Angelei gefallen würde. Wir freuten uns auf jeden Fall auf Duschen, Toiletten, Pool und Pizzeria, direkt am Wasser und mit Ruten darin.

 

(…und auch am Mittelmeer fühlten wir uns wohl...)

 

Der See hat einen super Bestand an großen Fischen, aber wie es halt so ist, springen einem die Fische auch hier - oder gerade hier - nicht einfach in den Kescher.

 

(Mit dem Cassien konnte der See zwar nicht ganz mithalten, da waren wir uns einig, er hatte aber trotzdem sein ganz eigenes Flair...)

 

Sonne. Die Fänge waren also ziemlich miserabel. Eigentlich lief es nur auf einem einzigen der insgesamt 14 Plätze am See. Das einzige, was sonst gefangen wurde, waren vereinzelt kleine Graskarpfen und einige Katzenwelse. Ich blankte die ersten zwei Tage ohne einen einzigen Piepser.

 

(Mit leichten Hangern und schlaffen Schnüren. Gerade bei hohem Angeldruck sollten die Fische nichts von den Schnüren bemerken...)

 

Die Leute angelten an diesem See eigentlich alle gleich. Weit entfernt vom Ufer, mitten im See. Es wurden Mais und Spod-Mix mit der Rakete gefüttert. Einige Angler verbrachten Stunden am Tag damit, ihre Rakete wieder und wieder auf Distanzen von 130-140 Metern zu feuern. Da ich die Fische allerdings auf 60-70 Metern springen sah, fischte ich auf dieser Distanz, angelte allerdings auch zuerst mit zwei Ruten auf einem Platz, den ich mit der Spod-Rakete fütterte. Mais, Hanf, Groundbait, Krill Liquid, ganze und halbe GLM und Dickenmittel Boilies. All das landete im Mix auf dem Platz.

 

(So fischte hier eigentlich jeder, weit draußen mit der Spod-Rakete...)

 

Am dritten Tag hatte ich gerade die erste Rute neu ausgeworfen und beförderte Futter mit der Rakete auf den Spod. Ich fragte mich, ob das laute Aufplatschen der Rakete die Fische nun eher abschrecken oder anlocken würde. In diesem Moment lief eben diese Rute, über der die Rakete ein ums andere Mal aufs Wasser platschte, ab. Völlig perplex nahm ich die Rute auf. Endlich ein Lauf. Doch ich spürte keinen Wiederstand. Es war kein Fisch mehr am Harken. Shit!

 

Nachdem ich in der Woche zuvor bereits keinen einzigen Fisch fangen konnte, war das mein erster Lauf nach 9 Tagen im Süden! Die Enttäuschung war unglaublich groß. Nach einer frischen Pizza aus dem Steinofen und einem kühlen Bier sah die Welt dann aber zum Glück schon wieder anders aus. Am nächsten Nachmittag bekam ich ungefähr zur selben Zeit einen zweiten Lauf und dieser Fisch hing zum Glück sicher. Es war zwar nur ein kleiner Graser, aber nach so langer Zeit ohne Fisch und dem verlorenen vom Vortag war die Erleichterung trotzdem groß.

 

(Der erste Fisch nach 9 Tagen, ein kleiner, ein Graser aber doch eine Art Erlösung...)

 

Der nächste Tag gehörte dann mal nicht dem Angeln. Wir besichtigten die Stadt Mailand. Der Dom und die Modegallerie waren ziemlich beeindruckend, ansonsten waren wir aber einer Meinung, dass Mailand keine besonders sehenswerte Stadt sei. Die Côte d` Azur mit Städten wie Cannes, Monaco und Nizza hatte uns um Wieten besser gefallen.

 

(Der Dom von Mailand, ein beeindruckender Anblick...)

 

(Ebenso die Galleria Vittorio Emanuele II...)

 

Die Rückfahrt zog sich ewig hin und ich überlegte, wie ich am Wasser weiter vorgehen sollte. Ein Graser nach vier Tagen war sicher keine zufriedenstellende Ausbeute. In der Nacht sollte es gewittern. Ich war mir sicher nach dem Gewitter ein paar Fische fangen zu können. Doch ich wollte nicht Katzenwelse oder kleine Graskarpfen fangen.

 

Ich musste irgendwie an die dicken Bewohner des Sees herankommen. Ich hatte mir speziell für diesen See ein paar Kilo 14mm Dickenmittelboilies eingepackt. Doch bis jetzt waren sie nur in den Spod-Mix gewandert. Warum eigentlich? Ich tat gerade das, was ich normalerweise versuche zu vermeiden. Ich fischte so wie auch jeder andere am See. Gerade an einem solchen See mit sehr viel Angeldruck sicher nicht die beste Idee. Ich fasste also einen Entschluss und setzte alles auf eine Karte. Zurück am See legte ich alle drei Ruten mit kleinen Hakenködern und jeweils nur einer Hand voll mit den kleinen Kugeln aus.

 

(Strategiewechsel: Kleine Hobbits mit einer Hand voll Boilies drum herum...)

 

Gespannt und auch kaputt von dem Tag in der Stadt ging es in den Schlafsack. Das Gewitter brach über uns herein und ich war voller Hoffnung.

 

(Beim Auslegen der Ruten zog das Gewitter schon ganz langsam auf...)

 

Gegen Vier Uhr in der Früh dann der erste Lauf. Da meine Kopflampe kaputt war, drillte ich im stockdunklen einen gefühlt schweren Fisch. Der Drill zog sich hin, aber bis zum Ende konnte ich den Fisch nicht sehen. Immer wieder nahm er Schnur. Dann endlich konnte ich ihn durch Wellen an der Oberfläche ausmachen und ihn nur wenig später über den Kescher ziehen...

 

Mit dem Handy leuchtete ich in den Kescher und machte erstmal einen Luftsprung. Ein unglaublich langer Spiegler lag da im Kescher. Spätestens als ich den Fisch aus dem Wasser hob und auf die Matte legte wurden mir sein Gewicht und seine Ausmaße bewusst. Er war tatsächlich länger, als die Matte. Das Wiegen ergab 23,5kg. Yes! Endlich hatte ich einen der großen, alten Spiegler des Sees überlistet. Trotzdem sollten eine Hand voll Fotos bei Nacht reichen und der alte Recke durfte wieder schwimmen.

 

(Endlich durfte ich einen der Großen in die Kamera halten...)

 

Ich warf die Rute neu aus und fütterte erneut nur eine Hand 14mm Bollen hinterher. Eine Stunde später lief die Rute erneut ab. Im ersten Tageslicht drillte ich einen Fisch, der sich unglaublich groß anfühlte. Er kämpfte stärker als der Fisch zuvor. Ich konnte kaum einen Meter Schnur gewinnen. Ich konnte mehrere große Fische nahe am Ufer springen sehen. Langsam erkämpfte ich mir Meter um Meter mit enormem Druck auf den Fisch.

 

Mit dem Kopf war ich schon dabei, die anderen zwei Ruten umzulegen, um noch weitere Fische zu fangen. Es waren noch so um die 20 Meter zwischen mir und dem Fisch, da erschlaffte plötzlich die Schnur. Ich kurbelte hektisch auf, doch ich konnte keinen Kontakt mehr bekommen. Das Blei durchbrach die Wasseroberfläche, mit Vorfach, aber ohne Fisch. Scheiße!

 

Ich konnte mich gar nicht wieder einkriegen. Ich hatte definitiv einen der ganz großen Fische des Sees verloren. Das kommt davon, wenn man mit dem Kopf nicht bei der Sache ist. Auch wenn nach einigen Stunden dann doch die Freude über meinen gefangenen 40er überwog, wurmt mich dieser Fischverlust noch immer und wenn mich mein Gefühl nicht sehr getäuscht hat, war das leider ein Fisch jenseits der 25-kg-Marke, aber das ist halt Angeln.

 

(Trotz des unglaubliches Panorama hinter dem Zelt, hatte ich kurzzeitig trübe Gedanken...)

 

Es kommt normalerweise sehr selten vor, dass ich gehakte Fische im Drill verliere. Auffällig ist jedoch dass sich dies ändert, sobald ich mit Safet-Clips angle. Auch dieses Erlebnis bestätigte das, es war aber nun mal Pflicht am See. Ich hatte ein ähnliches Erlebnis bereits bei einer früheren Session. Mit Safety-Clip verloren wir eine Reihe von Fischen. Mittlerweile habe ich mir für solche Situationen Bleie besorgt, die den Hakeffekt eines Inlinebleis haben, aber trotzdem bei Fischverlust abfallen können. Im Laufe dieses Tages konnte ich noch zwei weitere Fische von 10 und 14 kg fangen, die Dicken waren aber anscheinend weitergezogen.

 

(Ein weiterer Fisch am Mittag. Nach dem Gewitter waren sie in Fresslaune...)

 

Diese vier Läufe von teilweise wirklich großen Fischen bestätigten jedoch meine Strategie, mit einer Hand voll kleinen Boilies großflächig um den Hakenköder verteilt zu fischen. Von der Wirkung des Dickenmittels bin ich sowieso schon seit Längerem überzeugt. Auf den letzten drei Touren nach Frankreich und Italien brachten mir die Bollen jeweils meinen größten Fisch. Meine Strategie war aufgegangen: Lieber 20 kleine Kugeln, als fünf Kilo Spodmix. Es ist zwar keine neue Erkenntnis, aber es hat sich wieder einmal bestätigt: Immer anders als die anderen, das fängt Fisch!

 

(Hier gab es unglaublich viele Libellen… Faszinierende Tiere...)

 

Ob ich nochmal an einen Paylake fahren werde? Diese Frage bleibt offen. Wir waren uns einig, dass es uns am Cassien deutlich besser gefallen hatte. Das Angeln an einem kommerziell bewirtschafteten See hat aber für mich trotzdem seinen eigenen Reiz. Es ist möglich, wirklich große Fische zu fangen. Die Fische sind durch den enormen Angeldruck an solchen Gewässern aber extrem erfahren und schwer zu überlisten. Und genau da liegt für mich der Reiz. Die Fische sind zwar da, um sie zu fangen muss man sich allerdings manchmal einen ganz schönen Kopf machen.

 

Und genau das ist doch das Interessante an unserem Hobby: Das Verhalten der Fische zu verstehen und dieses für sich zu nutzen…

 

Patrick Buhr

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